Mittwoch, 26. Februar 2014

Wie die Wespentaille erfunden wurde

Fundstück der Woche am 10.10.2012

Das 19. Jahrhundet zeigte bis in die zweite Hälfte hinein ein Abbild der Modegeschichte seit der Antike: Während des Empire waren antikisierende, leichte Kleider mit einer klaren Linie én vogue. Sie verzichteten auf Korsett, Perücke und schwere Stoffe. Nach dem Wiener Kongress 1815 wandelte sich die Mode und wartete mit so aufgeschlossenen „modernen“ Neuschöpfungen wie dem ersten Hosenrock auf.

In den 1820er Jahren fanden weitere Neuerungen Einzug in die Kleidung: die Röcke wurden kürzer, erstmals tauchte die Bluse auf und auch die Schoßtaille – Wegbereiterin des Kostüms – trat erstmals auf. Insgesamt wurde die Frauenmode ähnlich wie die der Männer offener für die bürgerlichen Lebensbedingungen. Allerdings fällt auch die Wiedereinführung des Korsetts in diese Zeit des Fortschritts. Im kommenden Jahrzehnt, in dem eine „interessante Blässe“ sowie das „In-Ohn-macht-Fallen“ als Zeichen einer schönen Seele galten, wurde die Taille zunehmend enger geschnürt – die Wespentaille war geboren. Zusammen mit den Ärmeln wuchsen die Röcke wieder in die Länge und Breite, so dass die 1850er Jahre nicht umsonst die Bezeichnung „zweites Rokoko“ tragen. In die Mitte des 19. Jahrhunderts fällt ebenso wie in der Herrenmode auch, die Trennung von Tages- und Abendkleidern. Am Ende des 19. Jahrhunderts und während der Jahrhundertwende schließlich erreichte die Frauenmode einen Höhepunkt an Unbequemheit und Extravaganz. Die berühmte „S-Kurve“ wurde Schnitt bestimmend und nahm keinerlei Rücksicht auf anatomische Gegebenheiten.

Das Besondere Objekt ist ein graues Ensemble aus Taft, das aus Rock und passendem Mieder besteht. Der Rock endet in einer kleinen Schleppe, die auf den darunter getragenen Cul-de-Paris hindeutet. Der Cul-de-Paris ist ein Gesäßpolster, das für Bauschungen des Rockes sorgte und seit dem Rokoko bekannt war. Das Mieder hat lange Ärmel und ist mit Tüllspitze besetzt. Im Innenfutter sind Fischbeinstäbe verarbeitet, um den perfekten Sitz des Mieders zu gewährleisten. Auch der kleine Stehkragen aus Tüllspitze ist mit Stäbchen versehen, die dafür sorgen, dass er nicht in sich zusammenfällt. Das Kleid stammt aus dem Ende des 19. Jahrhunderts.