Mittwoch, 26. Februar 2014

Hauptgeschäft war der Drogenhandel

Fundstück der Woche am 19.12.2012

Im Ehrenkranz prangt eine große 50. Doch nicht für eine Goldene Hochzeit, sondern für ein 50-jähriges Firmenjubiläum wurde der Ranftbecher aus rotem Überfangglas angefertigt. Er stammt aus dem Jahre 1916 und steht für die erfolgreiche Farbglasproduktion in Reichenbach.

Sie begann mit der Firma Schuster & Wilhelmy am 12. März 1866. In Görlitz gegründet, war der Hauptgeschäftsgegenstand des Unternehmens ursprünglich der Handel mit Drogen für die Medizin und mit Chemikalien für Färberbetriebe. Die steigende Nachfrage führte zur Verlegung der fabrikmäßigen Produktion über Löbau nach Reichenbach.

Hier wurde 1870 mit finanzieller Unterstützung der Stadt Reichenbach ein Grundstück in der Nähe des Bahnhofes erworben. Neben der heimischen Landwirtschaft, Gewerbe und Industrie wurde auch die Glasindustrie mit Metalloxiden und Selenverbindungen beliefert, die als Farbstoffe dienten. Im Jahr 1885 schließlich wurde ein Ein-Hafen-Ofen gebaut und eine eigene Glasschmelze aufgebaut. Damit war die Produktion von Farbglas in Form von Überfangzapfen und Glasgrieß möglich. Ab 1893 wurde am neu errichteten Acht-Hafen-Ofen mit Siemens-Regenerativ-Beheizung und dazu gehörigem Schachtrost-Gaserzeuger produziert.

In den folgenden Jahren wurde eine keramische Produktion für weiße und farbige Emaille angegliedert. So gliederte sich die Firma bald in drei Abteilungen, eine anorganisch-chemische Abteilung und eine glas- und keramische Abteilung. 1903 erfolgte die Umwandlung der Firma in eine Aktiengesellschaft. Im Jahre 1910 wurde die Verwaltung von Görlitz nach Reichenbach verlegt.

Die Zusammensetzung des Farbglases wurde streng geheim gehalten und war nach 1945 nicht mehr auffindbar. Die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre hatte auch Auswirkungen auf die Firma Chemische Werke Schuster & Wilhelmy AG Reichenbach/OL, so dass am 1. Januar 1932 die Liquidation beschlossen wurde. Aus der Glasabteilung wurden am 3. Februar 1933 die Farbglaswerke Wilhelmy & Co., Reichenbach/ OL, vormals Schuster & Wilhelmy, gebildet, die weiterhin Farbglaszapfen herstellten. Durch steigenden Export wurden Filialen unter anderem in Polen, Spanien, Brasilien und Indien gegründet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Unternehmen in sächsisches Landeseigentum überführt und produzierte fortan unter dem Namen VEB Reichenbacher Farbglaswerk. Später wurde daraus ein Betriebsteil des volkseigenen Betriebes Lausitzer Glas in Weißwasser. Ab dem Jahr 1960 wurden besonders für die DDR-Fahrzeugindustrie Reflektoren und Rückstrahler produziert.

1990 wurden wesentliche Teile des Werkes stillgelegt. 1991 wurde die Immobilie von der Treuhandanstalt verkauft und seit 1999 wird wieder mit 40 Mitarbeitern abwechselnd an zwei Hafenöfen gearbeitet.